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Schilderung von Betroffenen

Mit meinen Symptomen (Grenzerfahrungen, Schlaflosigkeit, männl. Identitätsstörungen...) bin ich fast immer an die verkehrten Therapeuten (verschiedenster Fachrichtungen) geraten, viele gingen in Konkurrenz zu meinen heilenden Impulsen. Das heißt die "inneren Ressourcen" wurden nicht gewürdigt, eher sogar verachtet. Gemein haben aber alle Erfahrungen, dass mir ein sicherer geschützter Ort "verweigert" wurde. Viele "Fachleute" verstehen nicht, wie wichtig es ist, einen geschützten Raum in der "Welt" zu haben. Denn die Erfahrung als missbrauchtes Kind ist ja die, dass noch nicht mal der eigene Körper ein geschützter Raum ist. Es ist jemand gewaltsam eingedrungen und hat das "Innerste", das "Heiligste" eines Kindes verletzt, wollte es sogar besitzen oder zerstören.
Das heißt auch, dass noch nicht mal ich selbst in meinem eigenen Körper Zuhause bin. Diese Erfahrung ist auch noch als Erwachsener (heute bin ich 37 Jahre alt) immer noch schwer auszuhalten.
Zudem habe ich gemerkt, dass viele Therapeuten oft ihre "Hilflosigkeit" versuchen mit Aktionismus überdecken. Motto "Wir wissen was gut für sie ist. Vertrauen sie mir. Wir haben Erfahrung."
Wenn der Therapeut seine Unsicherheit offen macht, ist das für mich kein Zeichen von Inkompetenz, im Gegenteil; er wäre dann offen für etwas Neues – eine Art gute Neugierde. Missbrauch und die Erfahrung mit den Gefühlen ist ja etwas höchst "Individuelles" - mit der Verallgemeinerung durch die Umwelt nimmt man den Betroffenen den Weg zu seinem ursprünglichen "Ich" zu kommen.
Oft hatte ich das Gefühl, dass die "Helfer" in eine Art Gegenprojektion gehen. Viele können selbst nicht die "gute" Grenze zwischen Klient und sich setzen. Mit ihrer Leugnung, Verharmlosung oder ihrem Besserwissen wird wieder das "Kind" in seiner Verletzung und Verstörung nicht wahrgenommen. Dieses nicht "Wahrgenommen-Werden" von der "Welt" ist oft noch schlimmer als der eigentliche Missbrauch! Den Akt des Missbrauchs hat man "irgendwie" überlebt, aber die damit verbundenen Gefühle dürfen nicht in die "Welt" und müssen unterdrückt werden. Und gerade in diesen unterdrückten Gefühlen liegt ein großer Teil der Persönlichkeit verborgen.  Außerdem weichen Therapeuten Gefühlen aus, die sie selbst nicht aushalten können. Mit einem Missbrauch ist eben das "Verrückte" verbunden, ebenso höchst individuelle Grenzerfahrungen.
Bei einem missbrauchtem Kind wird diese Grenze zwischen dem Menschen und der Welt verletzt. Grenzerfahrungen sind auch ein Teil unseres Lebens, ein Teil unser Lebenswahrheit! Sie sind persönlichkeits-bildend, wenn man ihnen gewachsen ist – sonst sind sie eher persönlichkeits-schwächend. Grenzerfahrungen stellen unseren "funktionalen" Lebensweg in Frage.
Erst bei einem Mönch fand ich Platz für diese Gefühle. Die Religion kennt den Begriff "Mystik". Das sind Erfahrungen hinter unser rationalen Wahrnehmung.
Grenzerfahrung ist die Erfahrung an der Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen Ich und Ihr, zwischen Gott und Mensch, zwischen Leben und Tod. Diese Gefühle sind auch für einen Erwachsenen sehr schwer auszuhalten, wie soll denn erst ein Kind damit umgehen? Viele Menschen suchen Grenzerfahrungen z.B. über den "ultimativen Kick", Drogen oder Religion; sie öffnen sich aber freiwillig, sie haben selbst die Macht sich dem "Unbegreifflichen" zu stellen.
Bei einem missbrauchten Kind ist diese Erfahrung unfreiwillig und mit Gewalt und Zerstörung verbunden. Ein Kind empfindet an diesem Ort ein großes Loch. Da ist eine Erfahrungen, die es nicht halten und nicht verarbeiten kann.  Viele, dieser Gefühle sind „realitätsraubend“, auch als Erwachsener verwende ich noch sehr viel Energie auf, um dieses Loch aktiv zu schließen und zu kontrollieren. Energie, die mir im Alltag oft fehlt. Aus einer Grenze, die normalerweise einfach "da" ist, wird eine Grenze, die man "machen" muss. Aber das „erwachsene“ Leben besteht nun mal zum großen Teil aus Berührungen an der Grenze; für mich ist es sehr schwer auch die Lust an der Grenze wieder zuzulassen, ohne dabei ins missbrauchte Kind zu fallen.
Langsam lerne ich jetzt erst mir da zu vertrauen, das Loch so sein zu lassen, wie es ist. Vielleicht ist es ja irgendwann mal auch ein Teil, durch dessen Erfahrungen ich gewachsen bin.
Es hat mir sehr geholfen, dass ich mittlerweile meinen inneren Ressourcen vertrauen kann. Ich kann mittlerweile an mich glauben - trotz z.T. schlechter Therapieerfahrung.
Auch in den Momenten in denen ich mit meinen verstörenden Erfahrungen missachtet und allein gelassen wurde, bin ich langsam gewachsen, weil ich bei mir geblieben bin.
Das heißt der erwachsene Teil bleibt beim missbrauchtem kindlichen Teil und hält ihn, auch wenn die "Welt" ihn nicht (aus-)halten kann.
Mir hat es gut getan bei einigen Menschen einen Raum für meine Gefühle zu finden. Ich bin zwar als "Ding" behandelt worden, aber ich bin doch auch ein Mensch und brauche die anderen, egal wie unvollkommen sie und ich sein mögen. So komme ich langsam in die Welt zurück!
Aber diese Menschen zu finden, die einem gut tun, die Raum geben, die einfach da sind, die trotz des "Nicht-begreifen-könnens" in Bindung bleiben - die sind sehr schwer zu finden.
Es freut mich, dass Sie mit Ihrem Text dazu beitragen, dass es mehr von solchen Menschen gibt!

Das allerschlimmste war
diese Einsamkeit!

Das Alleinsein, das Gefühl, dass du eine ganz, ganz einsame Seele bist,  dass niemand da ist, der bei dir ist,  der bei dir sein kann, der dich bei der Hand nimmt und dich aus der Scheiße holt!

Es geschah am hellichten Tag - nein, nein, nein… aber er, er war nicht Gerd Fröbe, nein,  es war auch nicht Peter Löbl aus M….  eine Stadt sucht seinen Mörder.

Er war nicht dieser Fremde skurrile,  dieser fremde Onkel vor dem mich meine Mutter  immer gewarnt hatte und es geschah auch nicht im finsteren Wald,  es geschah in unserer Küche und es war mein Papi.

Eigentlich war alles so wie früher,  mein Papi grinste mich immer noch so komisch an,  dann plötzlich sagte er:“ Komm mal her!“
Zog mich am Arm zu sich heran,  dann greift er blitzschnell mit seiner
rechten Hand unter mein Dirndl,  reißt mir mein Unterhöschen mit einem Ruck herunter, ich war vollkommen erstarrt.

Dann schob sich die große Männerpranke an meinen rechten Oberschenkel höher und höher. Ich werde diese große Männerpranke mit diesem vergoldeten Siegelring nie vergessen. Die Hand fährt höher und höher,  plötzlich stößt er mit einem kräftigen  Ruck seinen Mittelfinger…Mensch….
Ich bin vollkommen erstarrt.
Ich kann nicht schreien.
Ich kann mich auch nicht wehren,  es ist doch mein Papi.

Es war der Beginn der totalen  Zerstörung meiner Kindheit. Meiner Jugend, meines Lebens.
Es waren Bombenangriffe, aber ich  hatte keine Zeit in den Bunker zu laufen.
Aber ich habe ÜBERLEBT!
Ich überlebte noch tausend weitere Bombenangriffe.

Ich sitze abends am Bett in meinem Zimmer,
ich mag mich schon lange nicht mehr ausziehen, also habe ich meinen Schlafanzug  über mein Unterhöschen und die dicke Wollstrumpfhose darüber gezogen und darüber noch meinen Frotteebademantel angezogen.
Ich sitze da, jedes kleinste Geräusch  in der Wohnung höre ich.

Ich höre wie er leise, leise durch den Flur schleicht.
Die Schwester nicht zu wecken, höre seinen Atem,  wenn er vor meiner Zimmertür steht.

Nein, nein, nein bitte,  bitte komm nicht!
Bitte, bitte lieber Gott mach was, bitte, bitte mach dass meine Mami heimkommt, dass das Telefon klingelt, bitte, bitte mach dass irgend etwas passiert, aber bitte, bitte mach, dass er nicht kommt!

Meine Grenzen sind noch immer offen,  noch immer ist keine Verteidigung möglich und so sind ständige  Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung.
Und wenn ich dann mal aus dem Mut der Verzweiflung aus meiner schrecklichen Zerstörung erzähle,  stoße ich leider heute noch sehr oft auf totales Unverständnis.

Und dann werden mir einige Fragen gestellt,  immer wieder dieselben Fragen gestellt,  nicht immer in der gleichen Reihenfolge,  ich werde da gefragt:
„Warum hast du dich nicht gewehrt?
Aber meine Güte, das konnte ich doch nicht. Ich war doch viel zu klein und unbewaffnet,  mich gegen so ein Imperium zur Wehr zu setzen!
Da versuchte ich mich an das erste Mal zu erinnern.
Die Fragerei nicht in der gleichen Reihenfolge.
Warum bitteschön, hast du nicht viel eher etwas gesagt?
Ich wurde immer trauriger und fiel schon wieder in dieses schwarze Loch!

Hättet ihr mir geglaubt?

Manchmal da knallst du halt in  dieses schwarze Loch und ich merke,
dass es besser wird - seltener wird, dass alles dann nicht mehrganz so schwarz ist. Und du siehst, auch wenn es  noch so winzig klein ist,
ein Lichtlein am Ende des Tunnels.
Dann wünsche ich für mich, dass es sich weiter entspannt und dass ich dann  nicht mehr so tief falle - wenn ich falle!
Für mich ist es wichtig zu wissen,  dass es passieren kann, denn dann
trifft es mich nicht so unvorbereitet.

Es ist leider nie ausgeschlossen, ich habe Dinge bekämpft und festgestellt, es war der falsche Weg.
Es ist wichtig die Dinge die in meiner Seele lagern, liegen und mir Angst machen, zu akzeptieren und sie zu  nehmen und anzusehen,  was willst du denn und  warum machst du mir Angst.

(Eine Betroffene deutsche Schauspielerin, die sich für Betroffene einsetzt, sprach diesen Text von ihr verfasst in einer Theatervorführung und dem Geobericht 2002)